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Was ich im Koma erlebt habe – Inges wahre Geschichte
Es fing im Jahre 1995 an - ich bekam schlecht Luft bei der kleinsten Anstrengung. Nach etlichen Untersuchungen beim Kardiologen stellte der fest, dass ich einen Pericaderguss hatte. Das heißt, ich hatte Wasser im Herzbeutel. Dieses sollte mittels eines Katheters dann punktiert und abgesaugt werden. Am 14.2.1996 ging ich ins Krankenhaus, wo zu der Zeit auch mein Mann noch lag. Ihm war eine Schmerzpumpe (nach einem Schlaganfall) implantiert worden. Am nächsten Tag, es war der 15.2.1996, wurde ich in einen Röntgenraum gebracht. Dort standen ich weiß nicht wie viele Assistenzärzte herum, die da wohl noch was lernen sollten, das war mir unangenehm, denn ich kam mir vor wie auf einem Präsentierteller. Der Kardiologe setzte unter örtlicher Betäubung einen Katheter zwischen meine Brust links zu meinem Herzen hin an, am Monitor konnte er dann alles verfolgen. Ich hörte, wie er dann sagte: „ Ich habe gleich den Punkt erreicht." Plötzlich kam Hektik auf - ich hörte nur Stimmengewirr, es ging wohl um mein Blut, da stimmte etwas nicht. Ich hörte einen Arzt sagen: „Das ist Herzblut". Ich hatte große Angst. Es wurden immer wieder neue Blutproben entnommen und ins hauseigene Labor zur Untersuchung gebracht. Ich merkte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, aber man ließ mich im Ungewissen. Dann bin ich ohnmächtig geworden. Ich kann mich dann wieder erinnern, wie man mich auf ein Zimmer brachte, in dem ein Mann lag. Es war die Intensivstation. Ich dachte noch: „Was soll ich denn bei einem Mann auf dem Zimmer?", dann wurde mir übel und ich fiel ins Koma, wie man mir später erzählte. Der Arzt hatte bei der Punktion die Herzwand durchstochen (es war ein 3 cm langer Schnitt) und weil das ja wieder vernäht werden musste, hatte man eine Notoperation machen müssen. (dazu wurde meine linke Brustseite geöffnet und der Schnitt wurde am offenen Herzen wieder vernäht). Das habe ich aber nicht mehr mitbekommen weil ich da schon im Koma war. Da lag ich nun und was ich da so im Koma alles erlebt habe, das kann sich keiner vorstellen.
Was ich da gesehen habe, ist einmalig: ich lag mitten in einem Zimmer in einem Bett, an den Seiten waren Gitter (wie in einem Kinderbett) und ich konnte mich nicht bewegen. Mein Mann und meine Eltern saßen in einem anderen Zimmer auf dem Sofa und bewegten sich auch nicht. Ich konnte sie sehen und habe sie gerufen, sie sollten zu mir kommen, aber sie rührten sich nicht. Dann sah ich, dass sie verkabelt waren, irgendwie von den Ohren und über den Augen von einem zum anderen. Ich weiß nicht, was das war. Ich konnte mich ja auch nicht bewegen, man hatte auch mir eine Maske (ich dachte, eine Echse säße auf meiner Nase) aufgesetzt und ich konnte mir nicht erklären, wozu das gut sein sollte. Ein Mann kam zu mir, machte mir den Mund auf und wollte mit einer Drahtbürste meine Zähne putzen - den habe ich aber ordentlich in den Finger gebissen. Später erzählte meine Mutter erzählte mir, dass ich tatsächlich dem Pfleger in den Finger gebissen habe, als er mir die Zähne putzen wollte. Da war auch noch ein Fahrstuhl, der fuhr immer rauf und runter und oben auf dem Fahrstuhl saß in einem Käfig ein guter Freund von mir, auch der konnte mich nicht hören und mit nicht helfen. Ich wollte doch aus dem Bett hinaus. Dann kamen nach langer Zeit mein Mann und meine Eltern an mein Bett. Mein Mann blieb im Flur wie angewurzelt stehen. Ich bat meinen Papa darum, mich mit nach Hause zu nehmen, aber er meinte, der Arzt würde es nicht erlauben und er wüsste nicht, wie er es denn machen sollte. Ich sagte, er könne mich doch einfach auf den Arm nehmen (ich glaube, ich dachte, dass ich ein Kind wäre), aber ich musste im Bett liegen bleiben.
Etwas später wurde ich mit einem Hubschrauber in die Berge geflogen in ein anderes Krankenhaus, da lag ich nun wieder und konnte mich nicht bewegen. Vom Bett aus sah ich ein Fenster und draußen kreiste der Hubschrauber immer herum. Drin war ein kleines Männchen, das aussah wie ein Gnom, der winkte so, als sollte ich zu ihm kommen, aber ich konnte nicht, weil ich mich ja nicht bewegen konnte und holen wollte er mich anscheinend auch nicht.
Tja, was soll ich sagen, nach 14 Tagen wurde ich wach und hatte überall Kabel an mir, ich wusste nicht, was eigentlich mit mir passiert war. Meine Eltern und mein Mann haben es mir dann erzählt.
Wenn ich einmal sterben muss, dann möchte ich so hinüber gehen, denn wenn man so etwas erlebt hat, dann hab ich keine Angst vor dem Sterben. Es war ein Gefühl der Zufriedenheit und einer Leichtigkeit, ich war auf dem Weg in eine andere Welt. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass ich nicht hinüber gehen konnte, irgendetwas hielt mich zurück. Ich konnte meinen Mann und meine Kinder ja nicht so einfach verlassen, ich war ja noch zu jung und meine Kinder und mein Mann (der ja auch so jung krank wurde, er hatte einen Schlaganfall) brauchten mich ja noch. Also kämpfte ich mich ins Leben zurück. Heute bin ich Gott dankbar, dass er mir das Leben wieder geschenkt hat und ich mit meinem Mann, meinen Kindern und inzwischen auch schon Enkelkindern wieder am Leben teilnehmen kann.
Wie meine Schwester die Situation erlebte:
(mit ihrer Erlaubnis darf ich das veröffentlichen)
Inge und mich verbindet eine gemeinsame Kindheit, wir hatten uns allerdings im Laufe der Jahre innerlich und auch äußerlich (durch räumliche Trennung) voneinander entfernt. Der Kontakt beschränkte sich auf gelegentliche Telefonate und auf ein paar seltene Besuche. Wie sehr meine Schwester trotzdem in meinem Leben präsent war, merkte ich erst, als die Nachricht von dem misslungenen ärztlichen Eingriff kam, wodurch sie ins Koma gefallen war, es traf mich mitten ins Herz!
Da ich wegen der Wetterverhältnisse (Schnee-Chaos) damals nicht zu ihr fahren konnte, suchte ich mir eine Beschäftigung, um meinen Schmerz und meine Sorge zu verarbeiten. Ich war ein begeisterter Handarbeits-Fan und stickte gerne Bilder aus Kreuzstichvorlagen.
Aber auf das Bild, das ich gerade in Arbeit hatte, konnte ich mich nicht konzentrieren und ganz zufällig fiel mir eine Anleitung in die Hände, die ich bisher links liegen gelassen hatte, weil sie mir zu kompliziert erschien: Es war ein Bild von zwei niedlichen Mädchen, die sich liebevoll umarmten. Intuitiv wusste ich, dass ich dieses Bild sticken musste und ich war mir ganz sicher, dass Inge sich darüber freuen würde.
Jede freie Minute arbeitete ich an dem Bild und fast täglich kamen düstere Nachrichten: Sie musste an die Herz-Lungen-Maschine, später kam noch eine Infektion dazu und die Nieren versagten zeitweise ihren Dienst.
Die Ärzte hatten kaum noch Hoffnung und je düsterer die Nachrichten wurden, umso wütender wurde ich. Im Geiste schimpfte ich mit Inge, denn sie war stets eine Kämpfernatur gewesen, hatte immer alles erreicht, was sie wollte und ich konnte nicht einsehen, dass es diesmal nicht auch so sein sollte. Ich wollte nicht akzeptieren, dass es keine Hoffnung mehr geben sollte.
Also stickte ich fleißig weiter und hoffte insgeheim, dass sie dadurch Zeit bekam, wieder zurück zu kommen. Und ich dachte mir, solange das Bild nicht fertig war, konnte sie doch nicht einfach so gehen. Beim Sticken fielen mir viele Situationen ein, in denen wir uns mit bösen Worten verletzt hatten, in denen wir beleidigt auseinanderliefen, aber auch solche Situationen, in denen wir viel gelacht haben und uns gut verstanden haben. Da überschwappte mich ein Wechselbad der Gefühle und ich sah vieles auch mit ihren Augen und dadurch wurde mir einiges klarer, was ich vorher gar nicht für möglich gehalten hatte.
In den Stoff dieses Bildes sind viele Tränen geflossen, aber auch viele virtuelle Umarmungen und viele "Ja, ich verstehe dich nun". Die Stickanleitung endete mit einer kleinen Reihe von drei Kreuzen und als ich das bemerkte, zögerte ich mit der Fertigstellung. War das nun ein böses Omen? Machte ich die drei Kreuze zum Abschied oder zum Neubeginn?
Ich habe zwei Tage damit gewartet, habe gebetet und traute mich doch nicht, das Bild zu vollenden. Aber dann wurde mir klar, dass ich dieses Bild nicht nur für sie gestickt hatte, sondern für uns beide! Egal, was auch geschah, das Bild würde bei einem von uns beiden immer eine Erinnerung sein an eine schwere, aber herzenswarme Zeit. Da erst konnte ich wirklich loslassen und erst dann konnte ich die drei Kreuze machen.
Am nächsten Tag war die Nierenfunktion stabil, sie atmete auch wieder alleine und zwei Tage später wachte sie auf. Sie meckerte ihren Mann und unsere Eltern an (sie wusste ja nicht, was mit ihr geschehen war) und ich habe darüber herzlich lachen können, denn nun war Inge wieder ganz im Leben angekommen!
Es dauerte dann noch eine Weile, bis ich zu ihr fahren und ihr das Bild geben konnte. Sie hat sich darüber gefreut, aber erst viel später erzählte sie mir, was sie im Koma erlebt hatte.

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